Wong Shun Leung Ving Tsun / Wing Chun München

vtboxer : Lehrplan

Was lernst Du im Ving Tsun Boxing?

Du weißt nicht, was Dich im Training erwartet und hast keinen Plan wo Du mit Deinem eigenen Training starten kannst? Hier möchte ich Dir den Lehrplan vorstellen, der Dir einen ersten Überblick verschaffen soll. Somit kannst Du Dir schon vorab eine kleine Vorstellung darüber machen, was auf Dich im Ving Tsun Boxing zukommt. Los geht's mit der Infografik:

Ving Tsun Boxing Lehrplan

Ving Tsun Kuen Hok 詠春拳學 - die "Lehre des schönen Frühlingsboxens" oder auch die "Wissenschaft des Kämpfens" ist bekannt für seine Einfachheit und Direktheit. Auf den ersten Blick sieht es aus, wie westliches Boxen. Doch beim ersten Ausprobieren bemerkst Du, dass es kein Sport oder Wettkampf ist. Wir setzen natürliche, bewährte, wissenschaftliche und biomechanische Konzepte und Prinzipien ein, um zu überleben.

Wo fängst Du an?

Mit welchen Übungen fängst Du als erstes an? Welche Regeln und Ideen solltest Du zuerst berücksichtigen? Ving Tsun Kuen Hok verfolgt die bewährte Prioritätenmethode, die alle Unterrichtsthemen nach vier Formen einteilt:

  • 1. Priorität: Siu Lim Tao - "Anfänger Level"
  • 2. Priorität: Cham Kiu - "Amateur Level"
  • 3. Priorität: Biu Zee - "Techniker Level"
  • 4. Priorität: Muk Jan Zong - "Praktiker Level"

Diese Einteilung dient lediglich Deiner Selbsteinschätzung und meiner persönlichen Empfehlung. Von Rängen, Gradierungen oder ähnlichen Einstu-fungen halten wir nicht besonders viel. Im Gegenteil. Sie schränken nur das Individuum in seinem Entfaltungspotential ein. Bei uns sollte jeder von jedem lernen können. Letztendlich ist die traditionelle "Hong Kong Style" Methode des Unterrichtens von Ving Tsun Kuen Hok wie ein Puzzle, welches man Stück für Stück für sich selbst zusammenbauen muss.

Um Dir das "Puzzeln" etwas leichter zu gestalten, habe ich die Übungen aus dem Lehrplan für Dich zusammengetragen. Ich nehme Dich mit auf eine kleine Erkundungstour, die Dir helfen wird das ganze System Schritt für Schritt besser verstehen zu lernen. Bist Du bereit? Los geht's!

Soloübungen

Die Grundlagen des Ving Tsun Boxing bilden vier waffenlose Formen. Die zwei letzten Waffen-Formen sind optional und beinhalten das Training mit dem Langstock "Luk Dim Boon Gwan" und den Doppelmessern "Baat Jaam Do". Diese Formen gab es im ursprünglichen Ving Tsun nicht. Erst später wurden diese in das System übernommen. Waffen haben im Ving Tsun keinen hohen Stellenwert und werden deshalb selten trainiert.

Folgende vier Formen repräsentieren also das Ving Tsun Boxing:

  • Siu Lim Tao (Kleine Idee),
  • Cham Kiu (Brücke suchen),
  • Biu Zee (Spickende Finger) und
  • Muk Jan Zong (Hölzerner Mann)

Wenn ich Dir Ving Tsun auf ein Blatt malen würde, dann hättest Du das Bild einer Pyramide. Dabei bilden die untersten Steine das stärkste und wichtigste Grundgerüst. Alle oberen Steine bauen auf den unteren Steinen auf. Fällt also z. B. ein "grüner Stein" der Pyramide weg oder wird bröckelig, dann beginnt die ganze Pyramide zu wackeln... Die "Siu Lim Tao Steine" müssen also solide sein und stets neu überprüft und "nachgeschärft" werden.

Die Siu Lim Tao Phase

In der "Siu Lim Tao" lernst Du alle Werkzeuge kennen, die Du für Deine Verteidigung brauchst, um Kraft durch Struktur zu bilden und Deine Struktur zurückzuerlangen, wenn sie Dir genommen wird.

Hinter den Bewegungen verstecken sich viele kleine Ideen mit großer Wirkung. Unter anderem die 9 Linien des Körpers, welche einen wichtigen "Bauplan" für Deine Verteidigung darstellen.

Zusätzlich werden die wichtigsten Armtechniken im "Two Gates Drill" kombiniert und durch Schrittarbeit ausgebaut. Dadurch trainieren wir uns die essentielle Koordination der Arme und Beine an.

Ergänzt wird das Formentraining durch den "Wall Push Drill", bei dem Du zuerst alle Deine Schritte einüben kannst. Direkt im Anschluss wird diese Übung an der Wand ausgeführt. Deine Balance, Schrittarbeit, Koordination und Kraft, Dein Timing und viele kleine Details - ähnlich dem Hölzernen Mann - werden dadurch effektiv korrigiert und eintrainiert.

Die Cham Kiu Phase

Die "Cham Kiu" ist der "Kompass" bzw. das "Ruder" des Ving Tsun Boxers. Sie bringt Dir bei, wie Du Deine in der Siu Lim Tao geschmiedeten Werkzeuge mobil machst und die "Brücke" zu den Armen des Gegners findest, da dieser sich nicht mehr vor Dir befindet, sondern in ständiger Bewegung ist.

Um dem Gegner Deine "Chi Sao Energie" aufzwingen zu können, spielen hierbei eine gute Struktur, ein stabiler Stand mit Wendung und mobiler Schrittarbeit, ein exzellentes Timing und schnellste Reaktionen eine große Rolle, da der Gegner das "Chi Sao Spiel" nicht gerne mitspielen wird...

Leider enthält die Cham Kiu Form relativ wenige Tritte. Deshalb werden die Vorwärts- und Seitwärtstritte in der "Four Corner Kicks" Übung noch ein Mal separat 360° in alle Richtungen praktiziert. Hier trainierst Du zusätzlich Deinen Stand und forderst Dein Balancegefühl heraus.

Beherrschst Du die Phasen der ersten zwei Formen, bist Du bereits zu 95 % aller Fälle gegen die meisten Probleme und Angriffe gewappnet.

Du hast gelernt, wie Du Deine Struktur bildest, sie zurückerlangst und durch einen soliden Stand und mobile Schrittarbeit unterstützt.

Die Biu Zee Phase

Da wir keine Maschinen, sondern Menschen sind, machen wir aber immer wieder mal Fehler... Deshalb lernst Du anschließend in der "Biu Zee" Form aus manchen glimpflichen Notsituationen zu entkommen, falls Du nicht aufmerksam warst und Dich in einer ungünstigen Position befindest.

Außerdem lernst Du hier alle Deine Gelenke zu nutzen, um sie zu einer explosionsartigen, kraftvollen Kette zusammenzufügen. Mit der Übung "Falling Hands" wirst Du schneller und entspannter und Deine Sensitivität und Lockerheit trainierst Du zusätzlich im "Own Chi Sao", um Schritt für Schritt immer mehr unnötige Muskeln auszuschalten.

Deine Präzision schult Dich der "Hanging Target" Drill. Das Ziel dieser Übungen ist es Dich nahezu "absichtslos" bewegen zu können und es dem Gegner dadurch zu erschweren auf alle Deine Bewegungen im Voraus reagieren zu können. Das geschieht nicht nur ausschließlich mit Deiner Bewegungs-Schnelligkeit, sondern mit 6 anderen Schnelligkeiten.

Die Muk Jan Zong Phase

Die "Muk Jan Zong" schließlich, ist das Training am hölzernen Mann - dem Geodreieck im Ving Tsun. Geduldig steht er für Dich da und ersetzt auch teilweise den Traniningspartner. Dieser korrigiert Deine nie ganz perfekten Techniken in Koordination mit Deiner Position und Schrittarbeit und macht Dir auch bewusst, dass es manchmal nicht möglich ist den Gegner zu bewegen, da er viel zu stark ist. Darum musst Du Dich selbst um ihn herum bewegen und Deine Arme und Beine korrekt positionieren.

Partnerübungen

Die Siu Lim Tao Phase

Da wir in den Solodrills noch keinen Kontakt mit den Armen des Gegners hatten, konzentriert sich die erste Übung - der "Paak Sao Drill" - auf das korrekte Stoßen und Ausnutzen der Kraftlinie vom Boden. Der größte Fokus liegt dabei auf den Ellenbogen. Gleichzeitig wird unser Timing, Rhythmus und die Koordination der Arme geschult. Ein Partner macht dabei Fauststöße im Rhythmus, während der andere seine Handstöße verbessern kann.

Sobald die Grundtechniken sitzen, beginnen wir den Rhythmus zu unterbrechen, aus verschiedenen Winkeln anzugreifen und dem Gegner unsere Chi Sao Energie aufzuzwingen. Stand, Wendung, Schrittarbeit, Distanzgefühl, Timing und Reaktion sind hier gefragt.

Nachdem Du etwas vertraut mit Deinen Werkzeugen bist und Du Deinen Stand gefestigt hast, geht es weiter zur "Daan Chi Sao" Übung, bei der Deine wichtigsten Techniken auf Druckprobe gestellt werden. Im Wong Shun Leung Ving Tsun vertrauen wir auf wenige Techniken, die besonders viel "geschärft" werden. Das Schärfen beginnt genau hier - unter Druck. Dabei können sich die Arme auf der Außen- oder Innenseite kreuzen.

Anschließend geht es an das Abwehren von den häufigsten Angriffen auf der Straße im "Gong Sao Drill". Dabei spielt ein Partner die Rolle des Angreifers, während der andere die Rolle des Verteidigers einnimmt. Der Angreifer greift zuerst mit halber Geschwindigkeit an. Der Verteidiger kann nun Schritt für Schritt die erlernten Prinzipien und Bewegungen gegen verschiedene Angriffe langsam, aber mit steigender Intensität ausprobieren. Mit der Zeit werden die Schüler merken, dass es gar nicht um die Technik geht, die der Angreifer benutzt, sondern um Druck und das geschickte Ausnutzen der Körperlinien, um immer weniger Nachdenken zu müssen.

Die Cham Kiu Phase

Das "Seung Chi Sao" (doppelte klebende Arme) ist das Markenzeichen des Ving Tsun Kung Fu und eine der wichtigsten und beliebtesten Übungen, da hier viele Attribute auf ein Mal geschult werden. Stand, Balance, Struktur, Druck, Reaktion, Schnelligkeit, Timing und Sensitivität sind nur ein paar dieser Eigenschaften. Dabei haben beide Arme Kontakt mit den anderen Armen des Partners und greifen mit Vorwärtsdruck an.

Abwechselnd und gleichzeitig gibt man seinem Partner einen Stoßdruck auf jeweils "drei/neun" und "zwölf Uhr" und so rotieren die Arme in einem 2er Takt zwischen ihren beiden Endpositionen, immer auf der Suche nach einer Lücke in der Verteidigung des Partners, um ohne Absicht mit der "Lat Sao Jik Chung Energie" nach vorne zu stoßen. Dabei schlägst Du nicht selbst, sondern "es" schlägt für Dich - wie Bruce Lee es ein Mal formulierte:

A good martial artist does not become tense, but ready. Not thinking, yet not dreaming. Ready for whatever may come. When the opponent expands, I contract; and when he contracts, I expand. And when there is an opportunity, "I" do not hit, "it" hits all by itself. - Lee Jun-Fan (Bruce Lee)

Auch der "Laap Sao Drill" ist eine Sensitivitätsübung, die das Chi Sao perfekt ergänzt. Hier schulst Du ganz besonders Deinen Bong Sao, den Laap Sao und den Fauststoß korrekt aus dem Ellbogen zu stoßen. Nebenbei lernst Du die Wendung, Deine beiden Arme miteinander einzusetzen und Deine Struktur zurückzubekommen, wenn Dein Ellbogen bedrängt wird.

In fast allen Übungen zielen wir immer unter den Hals des Gegners und geben unsere Kraft kontrolliert ab, da wir uns nicht verletzen wollen. Im "Focus Mids Drill" üben wir alle unsere Angriffe mit den Armen und Beinen an Pratzen und Schlagpolstern durchzustoßen, um unsere Schlagkraft zu verbessern. Hierbei ist wieder das Timing und der Einsatz des ganzen Körpers als "Hammer" wichtig, damit wir nicht nur den "Nagel an die Wand werfen", denn die Arme sind nur die flexiblen Überträger der Kraft.

Hast Du diese Übungen einigermaßen drauf, bist Du bereit für das Sparring im erweiterten "Gong Sao Drill". Der Sinn des Sparrings ist es nicht, sich nun Schutzausrüstung anzuziehen und aufeinander loszuprügeln, sondern sicher und kontrolliert den Druck und Stress zu erhöhen.

Der Drill wird also beliebig im Schwierigkeitsgrad angepasst, indem der Angreifer nur bestimmte Angriffe ausführt. Ich nenne es das "kontrollierte Bewaffnen", indem ich meinen Angreifer mit Waffen ausrüste, wie z. B. 1 x Jab links und 1 x Cross rechts. Erst mit 50 % Geschwindigkeit, dann mit Zunahme der Intensität durch Schnelligkeit und Kraft.

Der Verteidiger kann dann sicher mit dem Timing, Winkeln und seinen Armpositionen experimentieren, seinen "Nagel anpinnen" und den Angriff versuchen abzuwehren. Er kann sich also Stück für Stück an einen realen Kampf herantasten, ohne den Partner gleich zu verletzen und ohne durch Schutzausrüstung zu sehr eingeschränkt zu sein. Durch die Variationen in den Angriffen trainiert man sich auch nicht das "Ving Tsun vs. Ving Tsun Syndrom" an und bleibt somit möglichst nahe an der Realität.

Die Biu Zee Phase

In der letzten Phase im "Paak Sao Drill" unterscheiden wir vier verschiedene Möglichkeiten unsere "Fallenstellenden Arme" einzusetzen. Je nach Situation und den eigenen Zielen können wir lernen den Gegner zu kontrollieren.

Wir können beispielsweise eine schnelle, haltende oder kraftvolle Energie einsetzen. Die effektivste und höchste Kunst ist es jedoch, den Druck des Gegners auszunutzen, um mit einer defensiven und federnden Energie in alle Lücken des Gegners fast "ungewollt" vorzustoßen.

Zusätzlich gehen wir im Paak Sao Drill zu stilfremden Angriffen aus dem Gong Sao Drill über, um den Stress und die Intensität weiter zu erhöhen, da einem bewusst wird, wie limitiert man eigentlich in seinen Möglichkeiten ist, sobald konsequent nur noch kurze und direkte Angriffe genutzt werden.

Wie der Paak Sao Drill, wird der "Gong Sao Drill" nun auch erweitert, indem der Angreifer mit allen möglichen, stilfremden und stileigenen Kombinationen zufällig und mit unterbrochenem Rhythmus angreift, aus schwierigeren Winkeln kommt und mehrere Angreifer hinzukommen... Das kann je nach Absprache sicher geschehen, sodass die Verletzungsgefahr gering ist und wir den Druck - wie am Hölzernen Mann - kontrolliert abgeben.

Die Muk Jan Zong Phase

Wenn Du es bis hierher geschafft hast, gilt es wieder ganz von vorne bei der ersten Form anzufangen, um Deine Skills und Techniken weiter zu schärfen, denn keiner wird je 100 % perfekt sein... Nach ein paar Jahren wirst Du ein gewisses Level erreichen und Dir wird immer klarer, wie simpel und schlicht das ganze System eigentlich ist. Du wirst immer besser mit Deiner Reaktion, Sensitivität und Deinem Timing, sodass es immer leichter wird mit dem Druck des Gegners zu "spielen". Vielleicht wirst Du irgendwann diese geniale Selbstverteidigungs-Methode selber unterrichten oder Dich auf ein spezielles Gebiet beruflich weiterentwickeln wollen...

Du konntest Dir die Begriffe nicht merken und möchtest wissen, was sich hinter diesen kantonesischen Wörtern verbirgt? Dann schaue doch im Ving Tsun Boxer Lexikon vorbei, indem Du auf diesen Button klickst:

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